alte Menschen
Posted by Kingsizefairy on Sep 24, 2008
Während ich grad in der Küche stand und drauf wartete, dass der Toast raushüpft, musste ich irgendwie an eine frühere Nachbarin von mir denken.
Wir wohnten quasi Tür an Tür und mussten uns den Flur im Eingangsbereich teilen, was aber kein Problem war. Damals wohnte ich mit meiner Tochter alleine, sie war noch klein, noch kein Jahr, als wir dort einzogen, das Kind und ich.
Und besagte Nachbarin, schon damals reichlich betagt, war total verrückt nach ihr. Sie hatte nur einen Sohn und der hatte keine Kinder. Sie mochte auch die Frau nicht, mit der er zusammen war, aber nun ja, sowas kommt bekanntlich vor.
Die Nachbarin war absolut fit, laut und lustig. Einmal in der Woche traf sich bei ihr ein Kränzchen von ebenfalls alten Damen und ein oder zwei Herren. Auch hier war es immer laut und lustig und am nächsten Morgen zerdepperte sie verstohlen die leeren Flaschen im Mülleimer. Von wegen Kaffee und Kuchen…
Jedenfalls, wir zogen weg nach einiger Zeit. Da war sie schon sehr traurig, aber sie kam uns besuchen. Und wenn wir in dem Stadteil waren, gingen wir auch mal eben kurz vorbei.
Irgendwann gab ich aber dann auf, da ab einer gewissen Zeit einfach nicht anzutreffen war.
Dann kam meine Mutter, und erzählte mir eine etwas wirre Story. Ich setzte mich daraufhin mit einer anderen Nachbarin in Verbindung und bekam mehr Infos.
Die alte Dame wurde wohl etwas wirr, um nicht zu sagen dement. Ins Heim wollte sie nicht. Den Herd hatte der Sohn ihr abgeklemmt, da sie vergaß, ihn auszumachen und fast die Bude in Brand gesteckt hatte. Die Gemeindeschwester ging dann angeblich regelmäßig hin, um sich zu kümmern. Sie erkannte nur noch den Sohn und die Nachbarin, die mir die Infos gab.
Wir verabredeten uns, sie zu besuchen. Die Nachbarin hatte den Schlüssel zur Wohnung. Die alte Dame wurde eingesperrt, damit sie nicht weglaufen konnte. Einmal am Tag, abends, brachte ihr der Sohn etwas zu essen vorbei.
Was ich dort vorfand war das absolute Grauen schlechthin. Die alte Dame war ungepflegt, nur halb angezogen, abgemagert und stank. Die ganze Wohnung ein Chaos und ein Gestank, unglaublich.
Ich bin mal kurz ins Bad und hätte fast gekotzt.
Sie erkannte mich nicht und meine Tochter hatte ich in weiser Voraussicht nicht mitgebracht. Nach kurzer Zeit gingen wir dann auch wieder, die Nachbarin schloss die Türe ab und hinter der verschlossenen Türe, wummerte die alte Dame an die Türe, weinend, flehend, heulend wie ein Hund an der Kette.
Ich glaube, meinen Schock kann sich kaum einer vorstellen. Und meine Wut vielleicht nur die, die mich kennen. Ich bin dann schnurstracks nach Hause und habe getobt wie Rumpelstilzchen. Und dann bin ich zum Gemeindeamt und habe mir die Gemeindeschwester zur Brust genommen.
Das Resultat war, ich konnte natürlich nichts tun. Die Schwester wusste um die Zustände, hatte aber angeblich nicht die Handhabe, da was dran zu machen. Die Frau war ein Fall für die Pflege, aber ins Heim wollte sie nicht und der Sohn gab auch nicht die Zustimmung, daran was zu ändern. Die Mutter wolle ja schließlich nicht und es wäre ja alles in Ordnung, sie bekäme von ihm täglich zu essen und zu trinken und er würde nach dem rechten sehen und sich kümmern.
Sich kümmern????? Darunter stelle ich mir aber was anderes vor, tut mir leid.
Da kam er dann abends mit einer Portion lauwarmem Eintopf vorbei, blieb fünf Minuten bei der Mutter, bis sie gegessen hatte, nahm ggf. die Wäsche mit (obwohl, so wie es da aussah, noch nicht einmal das), setzte sich wieder in seinen Mercedes und fuhr zurück in sein Einfamilienhaus in bester Wohnlage.
Nett.
Sie haben sie dann wohl doch noch irgendwie in ein Heim getan. Daraufhin war sie beleidigt und hat mit niemandem gesprochen, auch nicht mit dem Sohn. Meine Mutter erfuhr noch, dass die Heimleitung wohl entsetzt über den Zustand der alten Damen war. Gesundheitlich stark angeschlagen, verwahrlost und ausgetrocknet. Es muss sehr schwer gewesen sein, sie zu waschen etc. und auch zum essen zu bewegen. Sie war so giftig, dass sie in den Hungerstreik trat und das Essen durch die Gegend warf. Ich glaube, sie machte der Station das Leben ziemlich zur Hölle. Kurz bevor man sie zwangsernähren wollte, starb sie.
Was mich dabei auch ärgert ist die Tatsache, dass das kein Einzelfall ist. Also dass Menschen unter solchen Bedingungen hausen, wenn sie alt sind. Ich finde das furchtbar.


Oh.
Mein.
Gott!
Ich kann und will nicht wahrhaben, daß man angeblich nicht unternehmen kann, wenn die Zustände so offensichtlich sind, und nur, weil der Herr Sohn zu bequem ist (wahrscheinlich hätte er sich an den Pflegeheimkosten beteiligen müssen) und weil Muttern sagt, sie will nicht.
U_N_G_L_A_U_B_L_I_C_H!
Schön, daß Sie immerhin den Versuch gestartet haben.
Uff. Dazu fällt mir jetzt eine ganze Menge ein.
Als ich klein war – auch Erdgeschoss
– hatten wir genauso eine liebe alte Dame auf unserem Flur. Für mich war sie sowas wie eine Zusatz-Oma und ich habe sie wirklich lieb gehabt. Glücklicherweise erlitt sie einen Schlaganfall, bevor sie ins Heim musste. Bis dahin war sie kein bisschen dement oder so und den Heimaufenthalt hat sie zu ihrem Glück nicht bewusst miterlebt, jedenfalls soweit sich das von bewusst lebenden Menschen überhaupt beurteilen lässt.
In der ersten gemeinsamen Wohnung von mir und Grejazi – wieder Erdgeschoss links – hatten wir dann nach langem Leerstand der Nachbarwohnung einen älteren Herrn auf demselben Flur, der noch recht rüstig schien.
Seine familiären und sonstigen Verhältnisse waren recht verworren und würden jetzt hier den Rahmen sprengen, Uns fiel nur irgendwann auf, dass er sich immer weiter zurückzog, sein Auto verkaufte und nur noch wenig aus dem Haus ging.
Eines Freitagabends entdeckte dann Grejazi, dass der alte Herr dabei war, seine Wohnungseinrichtung in den Vorgarten zu werfen. Wir sollten ihm helfen, aus dem Fenster zu klettern, er wolle endlich nach Hause.
Auf Umwegen erlangten wir einen Schlüssel über eine Bekannte von ihm. Die Zustände in der Wohnung waren zwar nicht unsauber, aber extrem chaotisch, Hut im Backofen, Kartoffeln in der Besteckschublade und so.
Die Verwandten, die wir mit Mühe ausfindig machten, wollten am Telefon weder mit der Bekannten noch mit uns etwas zu tun haben.
Der Mann war eine Gefahr für sich selbst, unterzuckert, dehydriert, was sollten wir tun?
Wir riefen den Notarzt, der ihn aber natürlich nicht gegen seinen Willen “einsacken” konnte:”Fahr’n Sie mit dem Herrn in die Geriatrie, aber wenn er da nicht ‘rein will, können Sie nix machen!”
Eigentlich ja ein Glück, dass Entmündigen, auch befristetes, nicht so einfach und so schnell geht.
Da haben wir die Polizei gerufen, einfach weil uns die Verantwortung zu groß war und an einem Freitagabend war das der einzige Ausweg.
Glücklicherweise riefen die Verwandten in dem Moment noch einmal an, um sich ein Bild von der Lage zu machen, als die Polizisten gerade im Wohnzimmer standen und sich vom desolaten Zustand desselben und der schlechten Verfassung des alten Herrn überzeugten.
Der Polizist ging also ans klingelnde Telefon und damit war der Drops gelutscht: die Famile machte sich sofort auf den 120-Kilometer-Weg und kümmerte sich um den Greis.
Mir hat das auch zu denken gegeben, damals. Eines ist furchtbar wichtig für diese Menschen: sie müssen unter Leute, sie müssen genug essen, sie müssen genug trinken. Dann klappt’s auch mit dem Verstand…
Ich konnte nichts machen, gar nichts. Ich war weder verwandt noch sonstwas. Ich bekam keine Auskunft, nix.
Das einzige, was ich machen konnte, war Krach und das habe ich. Der Sohn rief übrigens bei mir an und beschimpfte mich aufs Übelste. Ich war drauf und dran ihn anzuzeigen, aber ich habe dann noch eine andere Möglichkeit gefunden, ihm eins reinzuwürgen. Klappte ja dann auch.
Im Nachhinein betrachtet finde ich es schlimm, schlimm, schlimm und ich fand es wirklich furchtbar. Ich habe geweint und getobt aber als Außenstehender kann man da nicht viel machen. Zumindest damals nicht, ist ja auch schon zig Jahre vorbei, das war so 1990 oder so in dem Dreh.
Es gibt aber nun einmal auch Grenzen für’s “einschreiten-können”. Das ist zum andern doch auch gut, weil wie oben beschrieben, dann niemand gegen seinen Willen “mal eben auf die Schnelle” eingewiesen werden kann.
Was “deiner” alten Dame sicher bitter gefehlt hat, war Ansprache. Hätte sie davon mehr gehabt, wäre sie sicher umgänglicher gewesen. Dass gerade die Kinder das manchmal nicht zu leisten bereit sind, hat auch viel mit nicht konsequent vollzogener Abnabelung zu tun. Ach, dazu könnte Sam dir bestimmt mehr sagen.
Jedenfalls gehören zu solch einem Umgang zwischen Mutter und Sohn in jedem Falle zwei.
ich finde es wirklich schrecklich und kann dich total verstehen :[